März 2026
Wissen+-Seminar: Fisch – zwischen Klima, Konsum und Gesundheit
Beim ersten FIZ-Wissen+-Seminar „CO₂e-Fußabdruck in der Fischwirtschaft – was zählt wirklich“ diskutierten Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunikation, wie Fisch das Lebensmittel der Zukunft werden kann – ernährungsphysiologisch, ökologisch und kulturell.
Was treibt den CO₂e-Fußabdruck von Fisch wirklich an – und was ist vor allem ein hartnäckiges Vorurteil? Dieser Frage widmete sich am Donnerstag, 19. März, das erste FIZ-Wissen+-Seminar im PORT Bremen. Unter dem Titel „CO₂e-Fußabdruck in der Fischwirtschaft – was zählt wirklich“ versammelten sich Fachleute aus Fischwirtschaft, Wissenschaft und Kommunikation, um Fisch aus vier sehr unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten: Ernährung, Klima, Gesellschaft und Konsum.
Gesund für den Menschen – aber auch für den Planeten?
FIZ-Ernährungswissenschaftlerin Julia Steinberg-Böthig eröffnete den Morgen und spannte gleich zu Beginn den Bogen: Fisch liefert hochwertiges Eiweiß, wichtige Mikronährstoffe wie Jod, Selen, Vitamin D und B12 sowie die bedeutenden Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Doch was gut für den Menschen ist, muss nicht automatisch gut für den Planeten sein – und umgekehrt. Ihr Ziel für den Vormittag: diese Perspektiven nicht gegeneinander ausspielen, sondern klug verknüpfen.
Sechs Wahrheiten und eine klare Botschaft
Umweltwissenschaftler Björn Suckow vom Alfred-Wegner-Institut (AWI) setzte den wissenschaftlichen Rahmen. Mit sechs Kernwahrheiten – der Klimawandel ist real, menschengemacht, gefährlich, wissenschaftlich unbestritten, handhabbar und mehrheitlich anerkannt – zog er klare Linien, bevor er auf die konkreten Auswirkungen für die Fischwirtschaft einging: Erwärmung, pH-Veränderungen, Sauerstoffverluste und Infrastrukturschäden durch Extremwetter.
Die gute Nachricht: Fisch ist im Vergleich zu anderen tierischen Proteinen klimafreundlich. Kaltblüter brauchen keine Energie für Körperwärme, der Land- und Süßwasserverbrauch ist gering, und besonders Niedrigtrophiearten wie Muscheln und Algen stechen mit exzellenten Bilanzen hervor. Der größte Hebel in der Aquakultur: Futtermittel, die für rund 70 Prozent der Emissionen verantwortlich sind. In der Fischerei: der Dieselmotor.
„Die Fischbranche ist ideal positioniert, aktiv zur Klimawende beizutragen – durch Produktauswahl, Sortimentsgestaltung und eine glaubwürdige Kommunikation auf Basis belastbarer Daten“, so Björn Suckow.
Lachs als „UNO-Beobachter“ des Fischregals
Ernährungssoziologe Dr. Daniel Kofahl ordnete den Menschen in dieses Bild ein. Seine Kernthese: Konsumentinnen und Konsumenten kaufen keine CO₂e-Bilanzen – sie kaufen Normalität. Warum steht Lachs in fast jedem Kühlregal der Republik? Weil er sensorisch niedrigschwellig ist (mild, grätenarm, gesundheitskonform), durch Aquakultur massenverfügbar wurde und sich – so Kofahl pointiert – als „UNO-Beobachter unter den Lebensmitteln“ in nahezu jedes Ernährungskonzept einfügt: für Fleischesser ebenso wie für Flexitarier.
Weniger privilegiert: der Karpfen. Trotz langer Tradition scheitert er an materiellen Hürden (Gräten, Off-Flavour) und fehlender Alltagstauglichkeit – er bleibt Anlassfisch. Kofahl sieht darin kein Schicksal, sondern ein Gestaltungsfeld: Wer Sichtbarkeit, Verarbeitung und Storytelling verändert, kann Erwartungen formen. Auch die Konserve erlebt gerade eine Renaissance – von der pragmatischen Vorratsdose zur „Kitchen Couture“.
„Für die Fischwirtschaft gilt: Nicht jeder Fisch hat ein Qualitätsproblem, viele haben vor allem ein Erwartungsproblem. Erfolg entsteht dort, wo Produktform, Symbolik und praktische Lesbarkeit zusammenkommen“, so Ernährungssoziologe Dr. Daniel Kofahl.
TK-Fisch als Zukunftsprodukt
Den Abschluss machte Oliver Spring, Group Sustainability Manager bei Nomad Foods, mit einer These, die manches Vorurteil auf den Kopf stellte: Tiefkühlprodukte sind ökologisch oft besser als ihr Ruf. Im Rahmen einer umfassenden Lebenszyklusanalyse (LCA) von 22 Tiefkühlprodukten zeigte Spring, dass die Mehrheit der untersuchten TK-Produkte – darunter Fisch, Spinat, Erbsen und andere vegetarische Alternativen – einen gleichen oder niedrigeren CO₂e-Fußabdruck aufweist als frische Äquivalente. Entscheidender Faktor: deutlich weniger Lebensmittelverschwendung. Springs Fazit: TK-Fisch vereint gesund, nachhaltig und praktisch in einem – und hat das Potenzial, zum ersten tierischen Lebensmittel mit Netto-Null-Bilanz zu werden. Voraussetzung: belastbare Daten und der Mut, sie offensiv zu nutzen. „Wenn wir nicht sauber messen, können wir nicht ehrlich handeln – und nicht glaubwürdig kommunizieren“, so Spring.
Das erste FIZ-Wissen+-Seminar setzte einen deutlichen Auftakt für ein Format, das Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft an einem Tisch zusammenbringt. Die Botschaft des Vormittags: Fisch ist kein einfaches Lebensmittel – aber genau deshalb ein besonders spannendes.
Das nächste FIZ-Wissen+-Seminar findet am 15. September in Hamburg statt. Thema: Zukunft aus dem Wasser – Innovationen für die Fischbranche von morgen.
Mehr dazu hier: FIZ & Freunde Wissen+-Seminare 2026